BRITISCHES
AUS BAYERN
Der folgende Artikel erschien
in der „Motorrad Classic“ im Juli 1996, und im englischen „Classic Bike
Guide“ im November 1997. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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Das Hobby zum Beruf zu machen
ist eine Sache. Dann aber auch noch unter dem Namen der Lieblingsmarke, das
ist etwas Besonderes.
Von STEFAN KNITTEL; Fotos: ULRICH SCHWAB |
„Norton
Motors. Seifert, Guten Tag!“ –
so lautet die Begrüßung
nach dem Anwählen der wichtigsten Telefonnummer für die meisten Fahrer
englischer Motorräder in unseren Breiten. Prompte Auskunft über die benötigten
Teile unter Erwähnung der auswendig hergesagten Ersatzteilnummer folgt auf
die Anfrage: Joachim Seifert befasst sich seit nunmehr 20 Jahren mit Motorrädern
von der britischen Hauptinsel und hat die Teilelisten schon länger im Kopf
als im Computer gespeichert.
Angefangen hat alles ganz
harmlos im Sommer 1976. Auf einer Zwei- und einer Einzylinder-BMW waren
Joachim Seifert und Freundin Renate, die künftige Frau Seifert, im Süden
Englands unterwegs. Aus dem Bestaunen der einheimischen Produkte wuchs der
Wunsch nach einem alten englischen Motorrad. Bei einem Oldtimertreffen wurde
dies dann konkret angedeutet, ein Engländer witterte den schnellen Deal und
bot eine Norton für 100 Pfund Sterling an. Dass es sich dabei „nur“ um
eine 16 H, die seitengesteuerte Touren-500er handelte, störte die Urlauber
aus Hamburg nicht. Die sprichwörtliche Zuverlässigkeit dieser Norton wurde
dann später bei der Heimholung auf eigener Achse bestätigt: Wieso sollte ein
39 Jahre altes Motorrad plötzlich kaputt gehen? Zur Restaurierung wurde die
1937er Norton dann aber doch auseinandergenommen. Weil die Arbeit sich aber
langwierig gestalten sollte, und der Bazillus nun einmal saß, wurden 1977
alle Mittel zusammengekratzt: die BMW veräussert und eine zweite Norton
gekauft. Für 1000 Pfund erstand der 21jaehrige Anglistik- und Sozialkunde-Student
eine fabrikneue Commando Mk.3 Interstate. Weil die aber nun zum
Hauptverkehrsmittel erkoren wurde. nahm das Schicksal seinen Lauf.
Hamburgs erste Adresse Detlev
Louis hatte sich von Norton abgewandt. Bei anderen Spezialisten waren Rat- und
Teilesuche durchwachsen bis unbefriedigend. Der Commando-Besitzer spulte
trotzdem unbeirrt innerhalb eines Jahres 30000 Kilometer ab, rief immer öfter
in England an und zahlte viel Zoll für immer häufigere Paketsendungen von
der Insel. Joachim Seifert hatte sich mittlerweile durchgefragt, englische
Zeitschriften durchgesehen, und irgendwann tatsächlich gute Drähte zu einer
ganzen Reihe von Norton-Händlern aufgebaut. Für Freunde wurde stets etwas
mitbestellt; ,Joe". wie er in der Hamburger Szene hieß, war bald als der
große Experte anerkannt. Seifert: „Ich hatte halt immer als Erster all die
Schäden und musste mir irgendwie helfen. Den anderen Jungs konnte ich dann
schon sagen, wie es geht und welche Teile wir wo bekommen können."
Weil die Restaurierung der 16 H nebenher auch noch weiterlief, kam er
mit einer ganzen Reihe von Lieferanten für nachgefertigte Zubehörteile in
Kontakt. Sie waren in Deutschland allesamt unbekannt, weshalb sich Joe
entschloss, einen Versandhandel aufzuziehen. Er packte die Sache gleich
richtig an, holte sich einen Gewerbeschein und führte ordentlich Buch. Aber
trotz niedrigster Unkosten beim „Wohnungs“-Versand stellte sich nach zwei
Jahren heraus. dass es sich nicht lohnte. Sein Katalog hatte wohl zunächst
nur zu spezielle Teile.
Ein Stipendiurn brachte ihn
1980 für zwölf Monate nach England. Von Southampton aus wurden nun in grösserem
Stil Ersatzteile besorgt. Als sehr vorteilhaft erwiesen sich dabei persönliche
Besuche direkt bei Herstellern und Grosshändlern. Neben dem Ausbau dieser
Kontakte wurden auch gebrauchte Motorräder zum Wiederverkauf erstanden und
jeweils in den Semesterferien nach Hamburg transportiert. Der eigene
Fuhrpark konnte mit einer John Player-Commando und einer Vincent Rapide recht
standesgemäß erweitert werden. Die EngIänderszene in Deutschland weitete
sich aus; bei Rückkehr aus England 1981 kam Joe Seiferts Geschäftstätigkeitkeit
richtig ins Florieren. Aber was er auf jeden Fall wollte: das Studium noch zum
Abschluss bringen. Der Umzug in die „Rockerbox“, Laden,
Lager und Werkstatt als
eigene Geschäftsadresse, konnte ihn von diesem Vorhaben auch im Oktober 1982
noch nicht abbringen. Eine Referendarstelle wurde ihm nach dem Staatsexamen
ohnehin erst fuer mindestens ein Jahr später in Aussicht gestellt. Als es
dann aber am 1. Februar 1983 doch soweit war., schmiss dafür Freund Uwe
Rudisch sein Studium und bot sich an. die "Rockerbox" einstweilen
allein weiterzuführen Im selben Jahr kam auch noch die Kündigung seitens des
Vermieters hinzu, im November erfolgte der Umzug nach Norderstedt.
Die eineinhalb Jahre
Probelauf als Lehrer gingen vorüber. Danach wollte sich Joe in Ruhe weitere
Gedanken über die berufliche Zukunft machen. lm Laden könnte er ja eventuell
nebenher an einer Dissertation arbeiten, aber es ergaben sich im Herbst 1984
plötzlich ganz andere Konstellationen.
Der Motorradladen der drei Brüder
Stüdemann war immer schon die Anlaufstelle fuer Joe Seifert und seine
Motorradfreunde gewesen. Mit den früheren Maschinen Maico MD 250 oder BMW R
60/5 - oder ganz einfach zu einer Plauderrunde. Bei einem jener Schwätzchen
fiel 1984 die Bemerkung „Wir wollen aufhören!“ seitens der Stüdemaenner.
Joe schoss es durch den Kopf, dass sich hier eine sichere Existenz aufbauen
lassen könnte.
Der Laden bestand seit dem
Jahr 1948, war bestens eingeführt und hatte eine BMW-Vertretung. Als Mathies
Stüdemann sich schließlich bereit erklärte, seinen Anteil in eine Neugründung
mit einzubringen, schlossen sich Joachim Seifert, Uwe Rudisch und Frank Ostoff
mit Mathies am 1. April 1985 zur Stüdemann GmbH zusammen.
Der Ersatzteilhandel für
englische Motorräder sollte neben der BMW‑Vertretung weitergeführt
werden, was sich aber in der Folgezeit als problematisch erweisen sollte, da
sich die Partner einfach zuviel zugemutet hatten. Joes Aktivitäten wurden als
Zeitverschwendung angesehen, obwohl die Zahlen eigentlich eine ganz andere
Aussage boten. Er ließ sich nicht beirren, heute sagt er: „lch habe
unheimlich viel für meinen weiteren beruflichen Werdegang dazugelernt. Das
Ersatzteilgeschäft kann nur funktionieren, wenn es durchorganisiert ist.
Karteikarten und laufende Inventur als Bestandsverwaltung waren der erste
Schritt, den Computer konnte ich allerdings noch nicht durchsetzen."
Während die BMW-Vertretung
so richtig in Schwung kam, sollten sich 1987 auch in England neue Perspektiven
abzeichnen. Der Finanzmakler Philippe Le
Roux übernahm die Firma Norton. Nach dem Produktionsende der Commando vor
zehn Jahren war die Ersatzteilversorgung mehr schlecht als recht aufrechterhalten
worden, daneben lief aber die Entwicklungsarbeit am Wankel‑Motorrad
mit einem kleinen Team weiter. Der neue Chef wollte so schnell wie möglich
Flagge zeigen: Er ließ den Polizeimaschinen auch eine Wankel-Norton für
Privatkunden folgen.
Joe Seifert reiste zur
Kontaktaufnahme und Probefahrten sofort nach Shenstone, wobei er auch gleich
eine Bestellung für die in limitierter Auflage kommende Norton Classic abgab.
Die Firma Stüdemann würde also in Zukunft auch Norton-Motorräder anbieten.
Von Philippe Le Roux als Importeur benannt, konnten die Hamburger 1988 dann
tatsächlich zehn Prozent der Norton Classic-Produktion in Deutschland an den
Mann bringen.
lm September 1988 folgte die
Vorstellung des Wankel-Superbikes F 1, am Abend der Präsentation besprach Joe
Seifert mit Philippe Le Roux Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit. Zum
1. Januar 1989 wurde daraufhin die Norton Motors (Deutschland) GmbH aus der
Taufe gehoben. Seifert verließ mit seinem angestammten Geschäftsbereich die
Firma Stüdemann, die sich damit auf BMW konzentrierte, und richtete sich
unter Beteiligung des neuen Partners Norton Motors Limited neu ein. Der
Computer war nach dem Umzug der einzige, wenn auch wesentliche Mitarbeiter,
denn es warteten nun zahlreiche neue Aufgaben. Der Übergang vom
Norton-Liebhaber zum Statthalter der Marke sollte viel Arbeit mit sich
bringen.
Auf der Neufahrzeugseite zum
Beispiel waren dies TÜV-Gutachten, Errichtung eines Händlernetzes, Marketing
und Pressearbeit. Die Ersatzteilversorgung für die Norton Commando sollte nun
vom Werk aus ebenfalls wieder richtig in Gang kommen, wobei Joe Seifert mehr
die Rolle des Grosshändlers fuer Deutschland als die gewohnte
Direktversorgung der Kunden übernehmen sollte. Die guten Kontakte in England
wurden genutzt, um nun mit dem neuen Namen und größeren Aktivitäten sich
als künftig wesentlich bedeutenderer Kunde zu empfehlen. Dadurch ließ sich
auch das Angebot an Teilen für die Marke Triumph auf den gleichen Stand
bringen. In England zogen bald viele Hersteller den Großbesteller in
Deutschland den bisherigen Einzelkunden vor. Auf der anderen Seite kam die
Idee auch in Deutschland überraschend schnell an, die meisten Teileanbieter
und Werkstätten nutzten die Vorteile des Grosshändlers gegenüber den
Direktbestellungen aus England.
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Dies ist die erste Norton
F1, die das Werk verließ- Rahmen Nr. P55 0001. Heute noch im Besitz der
Norton Motors GmbH verbrachte sie die ersten fünf Jahre ihres Lebens
auf der Rennstrecke, im "Battle of Twins" in der Deutschen
Meisterschaft (A-Lizenz). Am Ende ihres Lebens trieben 140PS (gemessen,
nicht geschätzt) ihre 140kg an. Dies Erlebnis gönnt sich hier Joe
Seifert in Poznan außer Konkurenz. |
Aus familiären Gründen zog
Joe Seifert mit der Norton Deutschland GmbH 1990 von Hamburg nach
Bayern um. In Berg, im Ortsteil Manthal am Starnberger See fand sich eine neue
Halle. Manthal hat im übrigen keinen Strandzugang, um eventuellen Missverständnissen
gleich vorzubeugen. Von dort aus werden nun seit sechs Jahren die Fahrer und
Restaurierer von englischen Motorrädern betreut.
Die beliebte Frage: ,Die
werden doch schon lange nicht mehr gebaut, gibt's denn da noch
Ersatzteile?", weckt bei Joe Seifert und seinen Kunden nurmehr ein müdes
Lächeln. Für Triumph 500/650/750-Twins und Norton Commando ist so gut wie
alles nicht nur lieferbar, sondern auch auf Lager. Die Versorgung war seit der
Produktionseinstellung vor 20 Jahren noch nie so gut. In England leben eine
ganze Reihe von - nicht immer nur kleinen - Firmen recht gut vorn Nachfertigen
- ihr größter Kunde in Europa ist Joe Seifert. Als Norton Motors in England
noch richtig im Geschäft war, belief sich der Anteil der deutschen
Tochtergesellschaft auf 85 Prozent des Umsatzes auf dem Kontinent. Keiner hat
sich in Deutschland je so intensiv um die englischen Motorräder gekümmert,
der Erfolg hat Seifert recht gegeben. Es ging natürlich nicht ohne
schmerzvolle Erfahrungen ab, Qualitätsproblerne bei Ersatzteilen hat er oft
genug an eigenen Motorädern erlebt.
Dies hat sich jedoch in den
letzten Jahren deutlich gebessert - wegen Joe Seifert. Norton Deutschland galt
denn auch anfänglich oft als unbequemer Kunde, doch die vielen Rückmeldungen
sowie Nörgeleien wurden bald als wertvolle Information erkannt.
Direktbestellungen sind natürlich
auch heute noch bei Joe Seifert möglich, wenn auch der Einzelhandel
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Das Lager- Fast 10.000
verschiedene Teilenummern sind den Fächern zugeordnet, und jede
Unterlegscheibe ist im Computer erfaßt. Hier gibt es kein "Die
Tachowellen habe ich neulich noch irgendwo gesehen" oder "Das
kostet ungefähr..."- alles ist sowohl datenmäßig, als auch
tatsächlich greifbar, und Auskünfte werden sofort und korrekt gegeben.
Alle bestellten Teile werden innerhalb des nächsten Werktages versandt. |